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Homöopathie im Visier von Medien und Politik – ein Rauschen im Blätterwald
Die Homöopathie genießt in diesen Tagen eine große mediale Aufmerksamkeit. Nach dem SPIEGEL-Titel vom 12. Juli: „Homöopathie, die große Illusion“, beschäftigen sich viele Medien mit der Homöopathie. Einige Schreiber übernehmen dabei nicht nur das Titelthema des „Leitmediums“, sondern ebenfalls dessen Perspektive. Vor allem das im SPIEGEL vom gesundheitspolitischen Sprecher der SPD, Karl Lauterbach, geforderte Verbot für Krankenkassen, homöopathische Behandlungen zu erstatten, fand Resonanz. Der Tagesspiegel berichtet sogleich über „Das zähe Ende der Homöopathie“ , die Stuttgarter Nachrichten sprechen gar von einem „Globuli-Krieg“ – bei Focus.de heißt er „Kleinkrieg der Medizinwelten“.
 | | Foto: Pixelio | Oft wird das hohe Lied der Schulmedizin angestimmt; dann wird sie als wissenschaftlich erwiesen und nachweislich wirksam gegen die „Scheinbehandlungen der Homöopathen“ in Stellung gebracht. So werden homöopathische Ärzte schnell „hemmungslos Gläubige“, ihre Gegner zu „Vertretern der Aufklärung“ (SPIEGEL) und schließlich wird – den Ansatz dieser medialen Wirklichkeitskonstruktion konsequent zu Ende gedacht – die „Homöopathie ein Dogma“ (SPIEGEL Online).
„Wir sehen diese Medienwelle gar nicht so negativ, denn das gibt uns die Gelegenheit, unsere Positionen öffentlich zu vertreten und zu erklären“, erklärt Cornelia Bajic, 1. Vorsitzenden des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ).
In der Tat löst der einseitig gehaltene Artikel von SPIEGEL-Redakteur Markus Grill und seiner Kollegin Veronika Hackenbroch in der Folge auch eine differenziertere Berichterstattung aus, bei der das journalistische Qualitätskriterium von Recherche und Gegenrecherche, sowie von Rede und Gegenrede, mehr Berücksichtigung fand. „Studien zur Versorgungsforschung zeigen, dass die Homöopathie in der Praxis effektiv und kostengünstig ist“, zitiert die Ärzte Zeitung Cornelia Bajic sachlich zutreffend. In einem Artikel der Financial Times Deutschland heißt es zum Thema Wissenschaft in der Homöopathie: „Die ganz überwiegende Zahl von Doppelblindstudien zum Thema belege eine Wirkung der Homöopathie.“ – Unterschiedliche Studienergebnisse zum Thema sollten Anlass dafür sein, Fragen zu stellen und sinnvolle Stoßrichtungen für weitere Forschung zu diskutieren, anstatt zum Abstecken „medialer Argumentationsfronten“ herhalten zu müssen.
Die Politik nimmt Stellung
Als Erster äußerte sich Jens Spahn (CDU) zum Erstattungsverbot: „Wir haben die Wahltarife für Homöopathie unter Rot-Grün eingeführt. Wenn die SPD will, können wir das sofort streichen“, sagte Spahn der „Bild“-Zeitung. Der CDU-Politiker änderte jedoch im Verlauf der Debatte seine Ansicht. Von der Forderung seines SPD-Pendants, die Homöopathie aus dem Leistungskatalog auszuklammern, hält Spahn auf einmal wenig. Deren (Un-)Wirksamkeit sei umstritten, überdies mache der Anteil der Kosten für Homöopathie gerade mal 20 Millionen Euro aus. (Teckbote online, 22. Juli)
Ebenfalls mit dem Erscheinen des SPIEGELS äußerte sich Renate Künast von den Grünen: „Die pauschale Kritik an der Homöopathie verkennt, dass selbst die Schulmedizin in vielen Fällen auf die industrielle Nachahmung von Heilmitteln zurückgreift, die es in der Natur kostenlos gibt“, sagte Künast der Berliner Zeitung. Parteichefin Claudia Roth sagte, ein Verbot würde gerade Patienten Treffen, die auf eine gesunde Lebensführung achten. Die LINKE-Expertin Martina Bunge betonte, dass auch ganzheitliche Ansätze in der Medizin nötig seien.
Am Dienstag nahm dann Philipp Rösler (FDP) zum Thema Stellung: „Es spricht nichts dagegen, wenn Kassen ihren Versicherten Homöopathie über Wahltarife anbieten“, so der Bundesgesundheitsminister. Der Präsident der Bundesärztekammer, Jörg-Dietrich Hoppe, betonte die Nützlichkeit der Homöopathie im medizinischen Therapieangebot: „Die Wirkung homöopathischer Arzneimittel ist zwar nicht naturwissenschaftlich belegbar, trotzdem ist die Homöopathie ein wichtiger Zweig in der Ausbildung von Ärzten geworden“, sagte Hoppe dem Tagesspiegel. Der Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, Florian Lanz, sprach sich in der FAZ mit den Worten: „Hier beginnt eine Debatte in die völlig verkehrte Richtung zu laufen“, gegen ein Erstattungsverbot aus. Der Bundesverband der Arzneihersteller (BAH) wies darauf hin, dass die Ausgaben für homöopathische Arzneimittel nur einen Bruchteil der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen ausmachen und kritisierte Verbotsforderungen als „Oppositionspopulismus“.
Am Mittwoch wurde Lauterbachs Forderung schließlich von der SPD-Bundestagsfraktion als „Einzelmeinung“ bezeichnet: Die Partei bekenne sich „ausdrücklich zu einem umfassenden Leistungskatalog“, so Fraktionsvize Elke Ferner bei WELT ONLINE, „jeder Patient hat das gute Recht, sich für oder gegen eine Behandlung mit homöopathischen Mitteln zu entscheiden.“ Die Bevölkerung scheint das ähnlich zu sehen: In einer Umfrage von Tagesschau.de vertraten rund zwei Drittel der Befragten die Ansicht, „gesetzliche Krankenkassen sollten homöopathische Maßnahmen bezahlen dürfen“.
Eine Scheindebatte – und der eigentliche Hintergrund
„Er führt eine Scheindebatte“, beschrieb die Süddeutsche Zeitung den Vorstoß von Karl Lauterbach, den Krankenkassen eine Erstattung homöopathischer Behandlungen verbieten zu wollen. Mit einem Verbot der Homöopathie wäre dem Gesundheitssystem nicht geholfen. Die Ausgaben für homöopathische Behandlungen liegen im Promille-Bereich und homöopathisch behandelte Patienten verursachen, durch die ausführliche Anamnese, weniger Folgekosten im Gesundheitssystem. Doch wenn es nicht um Geld geht, worum geht es dann? Lauterbach findet, dass die Kassen die Homöopathie – trotz naturwissenschaftlich ungeklärtem Wirkmechanismus – mit einer Kostenübernahme „adeln“ (SPIEGEL).
Bezeichnend ist bei der Debatte um die Wirkung der Homöopathie, „dass die Erfahrungen der betroffenen Patienten außen vorgelassen werden“, bemerkte die Berliner Zeitung. Den erbosten Patienten, die ihn auch direkt anschreiben, antwortet Professor Lauterbach mit einem standardisierten Brief. Darin heißt es: „Meine Kritik richtete sich vor allem gegen den Einsatz homöopathischer Verfahren bei Schwerkranken und Kindern. Hier sind mir nicht wenige Fälle bekannt geworden, bei denen die Homöopathie den Einsatz wirksamer Therapien verzögert oder sogar verhindert hat mit der Folge von schwerwiegenden, irreparablen Schäden für die Betroffenen. Auch ist mir klar, dass die Kassen kaum Geld sparen würden, wenn sie die wenigen homöopathischen Anwendungen, die sie noch bezahlen, streichen. Aber darum ging es mir ja auch nicht, sondern nur um die Vermeidung von schweren gesundheitlichen Schädigungen bei Patienten, die den Wert dieser Behandlungsform überschätzen.“
Darum also geht es: Homöopathie schadet durch die Verzögerung wirksamer Behandlungen. Woher der Medizinwissenschaftler Lauterbach die Belege für diese Behauptung nimmt, lässt er allerdings offen. Insbesondere fehlen die „nicht wenigen Fälle“, die ihm ja offenbar bereits „bekannt geworden“ sind.
Zutreffend ist, dass Probleme, die im Zusammenhang mit einer homöopathischen Behandlung auftreten, ein überproportionales Medienecho finden. Es gilt für die Komplementärmedizin nämlich eine alte Journalisten-Regel in abgewandelter Form: Patient stirbt von Antibiotikum – keine Nachricht; Patient stirbt von Karottensaft – eine Spitzennachricht. Um es auch für den Medizinwissenschaftler verständlich auszudrücken: Es gibt hier einen Publikations-Bias.
Die Wahrheit ist, dass die Zahl der Patienten, die jährlich in Deutschland an den Nebenwirkungen konventioneller Arzneimittel sterben auf mehrere 10.000 geschätzt wird. Prof. Dr. Jürgen Fröhlich, Direktor der Abteilung für klinische Pharmakologie an der medizinischen Hochschule in Hannover sagte zum Thema: „Wir gehen davon aus, dass pro Jahr in den internistischen Abteilungen 58.000 Patienten durch unerwünschte Arzneimittelnebenwirkungen ums Leben kommen.“ Prof. Fröhlich betonte dabei, dass diese Zahl nur die Todesfälle in internistischen Abteilungen beinhaltet, die Gesamtzahl der Todesfälle durch Arzneimittelnebenwirkungen jedoch wahrscheinlich viel größer ist. Nach Einschätzung von deutschen Herzspezialisten sind unerwünschte Wirkungen von Medikamenten „die fünfthäufigste Todesursache in der Bundesrepublik“, betonte die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie, Herz- und Kreislaufforschung (DGK).
Schon die nachgewiesenen Einsparungen von Medikamenten unter einer homöopathischen Behandlung sind demnach nicht nur kostensparend, sondern potenziell lebensrettend – von der ebenfalls nachgewiesenen Wirksamkeit einmal abgesehen.
Die medizinische Praxis zeigt, dass konventionelle Mediziner und homöopathische Ärzte längst gelernt haben, im Hinblick auf die Heilung von Patienten zusammenzuarbeiten.
„Lauterbach wollte ein Antibiotikum gegen die gefährliche Homöopathie sein – wird aber nur als Homöopathikum wirken“, sagte Curt Kösters, homöopathischer Arzt und Vorstandsmitglied des DZVhÄ, in der NDR-Sendung Redezeit. Ein homöopathisches Mittel ist eine künstliche Verstärkung der Symptome; die Heilung ist eine Reaktion des Organismus, wenn die Verstärkung richtig gewählt war. Zunutze macht man sich dabei eine grundsätzliche Eigenschaft autoregulativer Systeme, die Fähigkeit sich selbst konstant zu halten. Veränderungen werden von dem jeweiligen System beantwortet – Aktion und Reaktion. Prof. Lauterbach hat in dieser Debatte nicht nur das eigentliche Wirkprinzip der Homöopathie in eindrucksvoller Weise demonstriert, er hat auch bewiesen, dass die richtige Anwendung sogar unwissentlich möglich ist.
Soweit so gut, was bleibt?
Cornelia Bajic, 1. Vorsitzende des Deutschen Zentralvereins homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), zieht ein Fazit zur medialen und politischen Debatte um die Homöopathie:
"Eine Woche der medialen Aufmerksamkeit haben wir erlebt, wie selten zuvor. Wir hatten Gelegenheit in zahlreichen Interviews und einer gut wahrgenommenen Pressemitteilung, unsere Positionen darzulegen. Auf diese Weise konnten wir viele Menschen erreichen, die bis dahin wahrscheinlich nicht einmal wussten, dass Homöopathie eine GKV-Leistung im Rahmen von Sonderverträgen ist. Wir konnten das Augenmerk auf die ärztliche Homöopathie lenken, denn genau um diese ging es. Die Homöopathie hat sich erhoben aus dem unübersehbaren Wust komplementärmedizinischer Verfahren und konnte als eigenständige Methode wahrgenommen werden. Wir haben, neben den üblichen Angriffen, sehr viel Zuspruch erfahren und gehen mit gestärktem Selbstbewusstsein aus der Debatte.
Wir sind also durchaus zufrieden. Danke Karl Lauterbach!"
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